
Interviewpartner Dr. Andreas Schneider
Laut dem UNO-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung wurden 2008 in Afghanistan 7700 Tonnen Opium produziert. Das Land ist der größte Opiumhersteller weltweit. Jeder zweite Einwohner ist drogenabhängig – besonders junge Menschen. Mütter stellen sogar ihre Babys mit Opiumpaste oder –rauch ruhig, denn es ist nicht schwer an Drogen zu gelangen.
Vor zwei Jahren startete der DED in Afghanistan eine Anti-Drogen-Kampagne zur Aufklärung der Bevölkerung. Gefördert wurde das Projekt aus Mitteln des Auswertigen Amtes. Dr. Andreas Schneider, Leiter der Regionalgruppe des DEDs im Nahen Osten und Zentralasien, verrät im Interview Einzelheiten:
NGO-COMMUNICATIONS: Wie sieht Ihre Zielgruppe bei dieser Kampagne aus und mit welchen Methoden erreichen Sie sie?
Dr. Schneider: Wir haben verschiedene Ansätze, wie wir an bestimmte Zielgruppen heran kommen. Unabhängig davon, ob es sich dabei um Jugendliche oder die afghanische Bevölkerung aus den verschiedenen Provinzen und unterschiedlichen Ethnien handelt. Uns war es aber vor allem wichtig, junge Menschen zu erreichen. Die Anti-Drogen-Kampagne wurde für Leute aus den Städten in Form von TV- und Radio-Spots umgesetzt. Da der Zugang zu Fernsehen stark begrenzt ist, wurden Menschen in den Provinzen vor allem über mobiles Theater erreicht.
NGO-COMMUNICATIONS: Was bewegte Sie dazu, so eine Aktion zu starten?
Dr. Schneider: In Afghanistan gibt es einen hohen Drogenkonsum und viele verdeckte Abhängige. Wir wollten den Menschen die Gefahren dieser Droge zeigen. Zum Beispiel, wie schnell man abhängig werden kann, welche Auswirkungen das für die Betroffenen aber auch ihre Familien und ihr soziales Umfeld hat und welche Möglichkeiten es gibt, aus dem Teufelskreis wieder rauszukommen. Da sich in Afghanistan die Mehrheit der Bevölkerung aus Analphabeten zusammensetzt, war ein Theaterstück über eine mobile Theatergruppe der beste Weg, die Botschaft gut und klar zu transportieren.
NGO-COMMUNICATIONS: Nach welchen Kriterien wurden die Schauspieler ausgesucht?
Dr. Schneider: Wir haben die Aktion in Kooperation mit der „Foundation for Culture and Civil Society“ (FCCS), der „Arbeitsgruppe Entwicklung und Fachkräfte“ (AGEF) sowie mit dem staatlichen Fernsehsender „RTA“ gemacht. Auf Empfehlung unserer afghanischen Partner haben wir versucht, möglichst die berühmtesten Schauspieler unter Vertrag zu nehmen. Vor allem sehr bekannte Schauspieler aus den 70er und 80er Jahren. Das Resultat war ein hoher Ansturm an Menschen. Hätten wir keine berühmten Schauspieler eingesetzt, wären mit großer Sicherheit weniger Menschen gekommen. Damit konnte die Thematik sehr viel besser transportiert werden.
NGO-COMMUNICATIONS: Wurden Aktionen parallel zu dieser Kampagne organisiert?
Dr. Schneider: Ja. Wir haben auch einige Kurzfilme gedreht, zum Beispiel Reportagen für das Fernsehen und Dokumentarfilme, in denen wir das Leben eines Drogenabhängigen mit den damit verbundenen Problemen gefilmt haben. Auch wurden Filme über Entziehungskurse gedreht, die in Afghanistan sehr hart sind.
NGO-COMMUNICATIONS: Wie haben die Menschen die Kampagne wahrgenommen?
Dr. Schneider: Mit Begeisterung! Wir haben verschiedene Befragungen von unseren Partnerorganisationen durchführen lassen, die nach den anschließend durchgeführten Interviews eindeutig festgestellt haben, dass die Aktion sehr positiv aufgenommen wurde, viele Menschen zum Nachdenken und zum aktiven Handeln angeregt wurden.
NGO-COMMUNICATIONS: Wie unterhaltsam kann so ein Theaterstück sein?
Dr. Schneider: Natürlich kann man bei so einem sensiblen Thema wie Drogen keine reine Unterhaltung anbieten. Die afghanischen Regisseure haben versucht, das Theater über berühmte afghanische Schauspieler der Mentalität und Kultur des Landes anzupassen. Und trotz des ernsten Themas gab es auch ein paar komische Figuren, die in einigen Episoden zum Einsatz kamen, um die Leute auch mal zum Lachen zu bringen und dadurch die Aufmerksamkeit indirekt auf das ernste Thema zu fokussieren.

Theatervorführung in Afghanistan gegen Drogenmissbrauch (Foto: Deutscher Entwicklungsdienst)
NGO-COMMUNICATIONS: Welche Schwierigkeiten hatten Sie bei der Umsetzung des mobilen Theaters?
Dr. Schneider: Wir hatten ein kleines logistisches Problem damit, die Schauspieler von einer Provinz in die nächste zu bekommen. Große Schwierigkeiten gab es, als wir erfahren mussten, dass wir in einigen Provinzen das Theaterstück nicht aufführen konnten. Die Sicherheitslage hatte sich so verschlechtert, dass wir mit unserem Thema nicht dorthin reisen konnten. Das Leben der Schauspieler wäre in Gefahr gewesen.
NGO-COMMUNICATIONS: Inwieweit war das Leben der Schauspieler gefährdet?
Dr. Schneider: Es gibt auch heute noch viele Provinzen, in denen Korruption das alltägliche Geschäft ist. In diesen Bezirken stehen Polizeichefs oder Gouverneure an der Macht, die auch mit Drogen ihr Geld verdienen. Diese Leute finden es sicher gar nicht gut, wenn eine Anti-Drogen-Kampagne im Anmarsch ist. Für derart große Aufführungen braucht man ohnehin eine offizielle Genehmigung, um auftreten zu können. Wir haben auch viele Absagen bekommen, aber in neun Provinzen ist uns diese Aktion gut gelungen.
NGO-COMMUNICATIONS: Würden Sie so eine Aktion noch einmal planen?
Dr. Schneider: Klar, wenn wir die Gelegenheit dazu hätten. Das Schöne an der Sache ist, dass verschieden Stämme, Clans, Ethnien aufeinander treffen und voneinander lernen. Im entfernten Sinne dient das der Bildungs- und Versöhnungsarbeit. Das ist auch ein Teil unserer Projektansätze in Afghanistan. Hier geht es darum, solche Themen zu vermitteln und Konflikte zu minimieren. Wir möchten die Menschen in Afghanistan sensibilisieren und ihnen zeigen, dass es auch anders geht als durch gegenseitiges Bekämpfen. Wir wollen ethnische, politische und andere Spannung reduzieren.
NGO-COMMUNICATIONS: Was würden Sie anders machen?
Dr. Schneider: Eigentlich nicht so viel. Gut wäre eine längerfristige Vorbereitung. Leider sind die Bewilligungen der Budgets an sehr knappe Zeitfenster gebunden und in Afghanistan braucht alles viel mehr Zeit. Man braucht einen langen Atem, um Dinge zu bewegen. Vielleicht würden wir das nächste Mal auch einen Wettbewerb junger Autoren zu diesem Thema initiieren. Neben den Film sollte man auch verstärkt Radiospotts und –reportagen produzieren.
NGO-COMMUNICATIONS: Glauben Sie, dass solche Aktionen eine langfristige Wirkung haben?
Dr. Schneider: Das ist natürlich eine Sache, die über Generationen geht und einen langen Atem braucht. Jemand, der seit 16 oder 23 Jahren daran gewöhnt ist, Konflikte mit der Waffe zu lösen, kann nicht auf Knopfdruck seine Nachbarschaftskonflikte auf friedlichem, verbalen Weg lösen. Das zu erreichen ist ein langer Prozess. Es entwickeln sich erfolgreiche als auch weniger erfolgreiche Projekte. Wir setzen besonders auf die afghanische Jugend, die unsere Botschaft in die Familien transportieren soll. Ähnliche Methoden hat man in anderen Ländern über Schulen und Lehrer versucht. Hier kann im Bereich Bewusstseinsbildung noch mehr passieren.